Wir leben in eigenartigen Zeiten. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas an dem wir uns jahrzehntelang festhalten und orientieren konnten zerrinnt zwischen unseren Fingern. Gleichzeitig hat man das Gefühl hoffnungsvoller Veränderung. An unterschiedlichsten Stellen und zu unterschiedlichen Themen und Fragestellungen werden neue Zukunftsentwürfe entwickelt und ausprobiert. Wir fühlen uns von der Vergangenheit gefangen und von der Zukunft angezogen. Was ist los? Warum sind die Zeiten so eigenartig?
Eine sehr gute Möglichkeit diese „eigenartige“ Zeit und ihre Zerrissenheit zu fassen und eine mögliche Perspektive aus dieser Zerrissenheit zu eröffnen, bietet die Theorie der langen Wellen von Kondratieff.
Nikolai Kondratieff, ein russischer Wirtschaftswissenschaftler hat in der 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts auf Basis statistischer Daten herausgefunden, dass sich die Wirtschaft seit Beginn der Industrialisierung in recht stabilen Zyklen entwickelt. Das ist im wesentlichen noch nichts Besonderes (siehe Schumpeter). Seine wesentliche Erkenntnis war, dass Paradigmenwechsel und Basisinnovationen, die diesen Paradigmenwechsel entsprechen die Zentren dieser Zyklen darstellen.
Laut dieser Theorie lassen sich folgende Basisinnovationen feststellen:
Im Folgenden konzentriere ich mich auf folgende Aspekte innerhalb dieser Theorie:
- Jede neue Basisinnovation entsteht aus einer gesellschaftlichen und/oder wirtschaftlichen Not
- Jede Basisinnovation lässt neue Kosten in einem Umfang entstehen, die vorher nicht bekannt waren. Diese neuen Kosten dämpfen den wirtschaftlichen Aufschwung der Basisinnovation, bewirken so in absehbarer Zeit dessen Abschwung und legen den Samen für den kommenden Aufschwung
- Diese zwei Aspekte sollen am Beispiel des 1. Kondratieff – der Dampfmaschine verdeutlicht werden. In weiterer Folge werden die wesentlichen Gedanken auf die aktuelle Situation angewendet.
Basisinnovationen entstehen aus einer Not
In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die mechanische Energie knapp. Die englischen Unternehmer kommen nicht mehr hinterher, ihre Bergwerke zu entwässern oder Webstühle mit Wasser- oder Tierkraft anzutreiben. Die Nachfrage der Armee und des Exports sind weit größer, als die Wirtschaft Waren produzieren kann.
Die englischen Unternehmen beauftragten damals James Watt, eine Maschine zu bauen, die Hitze in Dampf und Dampf in mechanische Bewegungskraft umsetzt zu bauen, um das Grundwasser in den Bergwerken, das den Abbau erheblich erschwert, abpumpen zu können. 1769 meldete James Watt sein erstes Patent an. Es dauert bis 1785, bis die ersten Dampfmaschinen Spinnräder antreiben – ein gesamtwirtschaftlicher Quantensprung. In dem Zeitraum zwischen 1750 und 1830 vervielfacht sich die Produktivität in der Textilbranche um den Faktor 300 bis 400 (siehe Paul Kennedy).
Konsequenz: Nicht die Dampfmaschine löst den ersten Kondratieff-Aufschwung aus, sondern das was knapp wurde – der Engpass an mechanischer Energie!
Neue Kosten dämpfen den Aufschwung und führen schlussendlich zum Abschwung
Neben den erheblichen gesellschaftlichen Veränderungen, die diese Produktivitätssteigerung mit sich bringt steigen die Kosten eines Produktionsfaktors erheblich. Man stelle sich vor: 1820 produziert ein Textilarbeiter, der mehrere Webmaschinen bedient, 20-mal soviel wie ein Heimarbeiter. Die dampfbetriebene Spinnmaschine hat die 200-fache Kapazität eines Spinnrades (siehe wieder Paul Kennedy). Der Transport von Erz und Kohle, die für die Herstellung dieser Waren benötigt wurden, und der Transport der Menge der produzierten Waren, waren bei den wetterabhängigen Straßenverhältnissen, den störrischen Zugtieren und den wenigen Kanälen (in England) so teuer geworden, dass ein weiteres Wachstum nicht mehr möglich ist und schlussendlich zum Abschwung führt.
Erst als das Transportproblem mit der Erfindung der Eisenbahn gelöst wurde, konnte ein neuer Aufschwung erzielt werden!
Konsequenz: Die Kostengrenze eines Kondratieff-Zyklus erzeugt das große Investitionsbedürfnis (die Not) für den nächsten Strukturzyklus (im Falle der Dampfmaschine – der Transport, sprich die Eisenbahn).
Und heute?
Laut Leo A. Nefiodow ist mit der weltweiten Rezession der Jahre 2001-2003 der letzte, der fünfte Kondratieffzyklus, der von der Informationstechnik getragen wurde, zu Ende gegangen. Parallel dazu hat ein neuer Langzyklus, der sechste Kondratieff, begonnen. Wenn wir die oben skizzierte Argumentation aufgreifen, müsste der 6. Kondratieff anhand von den aktuellen Kostengrenzen abzulesen sein. Diese Überlegung führt uns zu der Frage: „Was kostet uns weltweit aktuell am meisten Geld“. Die Antwort von Leo A. Nefiodow ist verblüffend:
„Addiert man nun alle Verluste und Kosten, die sowohl von psychosozialen wie auch von körperlichen Krankheiten pro Jahr verursacht werden, dann erhält man einen Betrag von 24.000 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Drittel des Weltsozialproduktes. Wirtschaftlich betrachtet stellen Krankheiten die größte Produktivitäts- und Wachstumsreserve der Welt dar. 15 Prozent weniger Krankheiten würden genügend Produktivitätsreserven freisetzen, um den 6. Kondratieff in eine Lokomotive für Wachstum und Beschäftigung zu verwandeln.“
Leo A. Nefiodow meint damit aber nicht das herkömmliche Gesundheitswesen, das laut ihm kein Gesundheitswesen ist, sondern nur so genannt wird. Mehr als 97 Prozent der Finanzmittel wird für die Erforschung, Diagnose, Therapie und Verwaltung von Krankheiten ausgegeben. Es ist de facto ein Krankheitswesen.
Gesundheit ist mehr als Schulmedizin und mehr als die Abwesenheit von Krankheit oder deren Symptome. Gesundheit ist mehr als Schmerzfreiheit und Wohlgefühl. Gesundheit ist Kraft, Gestaltungs- und Arbeitslust, Freude an Zusammenarbeit und Leistung.
Der zukünftige Wohlstand wird innerhalb dieses Gedankengebäudes vom Bedarf nach ganzheitlicher Gesundheit angetrieben!
Eigenartige Zeiten aufgrund falscher Fragen und Aufgaben?
Vielleicht leben wir in eigenartigen Zeiten, fühlt sich so vieles „falsch“ an, sind von der Vergangenheit gefangen und von der Zukunft angezogen, weil wir uns einfach die falschen Fragen und falschen Aufgaben stellen. Vielleicht suchen wir nach einer neuen Dampfmaschine, ohne den zu Grunde liegenden Bedarf, die dahinter liegende „Not“ zu erkennen. Die Frage nach einer neuen Begrifflichkeit von ganzheitlicher Gesundheit, die individuell lebbar ist und gesellschaftlich unterstützt wird könnte einen Ausweg bieten.
Es sind kranke Menschen, die Kriege planen und durchführen; es sind kranke Menschen, die inhumane Ideologien wie Rassismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus erfinden. Alle Formen der Kriminalität kommen von gestörten oder kranken Menschen, ebenso alle Störungen und Belastungen menschlicher Beziehungen.
Literatur:
Erik Händeler: Die Geschichte der Zukunft. Brendow, Moers 2003
Erik Händeler: Kondratieffs Welt. Brendow, Moers 2005
Paul Kennedy: Aufstieg und Fall der großen Mächte, Frankfurt 2000
Nikolai D. Kondratieff: Die langen Wellen der Konjunktur. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. 56, 1926, S. 573–609.
Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff. St. Augustin 2006
Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1961.










One Comment
Danke für diesen guten Beitrag!
Mir gefällt, wie die den Zusammenhang zu Kondratieff ziehst!
lg