Eine moralische Frage an einen Geschäftsführer
Eine Gruppe Geschäftsführer lauscht gespannt dem Vortrag des amerikanischen Ureinwohners Oren R. Lyons. Thema ist die Wichtigkeit von nachhaltigem Wirtschaften im Einklang mit der Natur.
Einer der Männer im Publikum meldet sich schließlich zu Wort. Er entschuldigt die rein am Profit orientierten Entscheidungen der Manager mit ihrer Verpflichtung gegenüber den Shareholdern. Denn werden deren Gewinnerwartungen nicht erfüllt, würde er als Manager seinen Job verlieren. Daraufhin verwickelt ihn Oren R. Lyons in folgenden Dialog:
Oren: “Are you married?“
Geschäftsführer: “Yes, I am.“
Oren: “Do you have children?“
Geschäftsführer: “Yes, I do.”
Oren: “Do you have any grandchildren?”
Geschäftsführer: “Yes, I have two, two boys.”
Oren: “When do you cease to be a CEO and become a grandfather?”
Diese moralische Frage wird von allen Anwesenden mit betroffenem Schweigen beantwortet. Sie spiegelt das Dilemma wider, in dem wir uns heute mit unserem Wirtschaftssystem befinden.
Druck aufgrund unseres Wirtschafts- und Finanzsystems
Der modernen ökonomischen Lehre nach gilt das Rationalitätsprinzip für die Wirtschaft als oberstes Gebot. Es verlangt von den Unternehmen, ein vorgegebenes Ziel mit dem geringsten Einsatz an Mittel zu erreichen bzw. mit vorgegebenem Mitteleinsatz eine möglichst weitgehende Zielerreichung zu bewirken. Außerdem unterliegen Unternehmen und Staaten weitestgehend dem globalen Finanzsystem, welches auf Schuldgeld und Zinseszinsen aufbaut. (Siehe Sinn:schrift Druckausgabe 01 und 02 und vorangegangenen Blogeintrag: “Wie Banken Geld machen”) In Kombination ergeben sich daraus für Unternehmen ein Wachstumszwang und somit ein (meist rein monetäres) Streben nach Wert- und Gewinnmaximierung. Moralisches Handeln im Sinne von Wirtschaften im harmonischen Einklang mit Mensch und Natur stellt keine Selbstverständlichkeit sondern einen Kostenfaktor dar. Natürlich kann argumentiert werden, dass nun vermehrt Begriffe wie Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship (siehe Anm.) Eingang in die wirtschaftliche Denkweise der Manager finden. Umweltschutzmaßnahmen werden getroffen und die lokalen Arbeitnehmerschutz-Vorschriften berücksichtigt. Der wirtschaftliche Druck ist letztendlich aber doch größer als das moralische Gewissen der Geschäftsführer. Es wird ihnen vorgegeben, wie hoch der Gewinn zu sein hat und wie viel Spielraum dabei noch für moralisches Handeln übrig bleibt.
Kritisches Hinterfragen unerwünscht?
Aber warum halten wir an einem System fest, dass nicht allen Beteiligten gleichermaßen zu Gute kommt? In unserer westlichen Gesellschaft haben wir Schritt für Schritt verlernt wichtige Systemzusammenhänge zu verstehen. Einer der Gründe dafür lässt sich früh finden. Bereits in der Schule werden wir getrennt in einzelnen Fächern unterrichtet. Wir dürfen uns mit der Theorie höherer Mathematik beschäftigen, jedoch komplett losgelöst von ihrer Anwendung in Natur und Technik. Geschichte wird uns in Form einer endlosen Reihung an Jahreszahlen und Königsnamen dargeboten, die es gilt auf Abruf auswendig rezitieren zu können. Für die Erarbeitung der gesellschaftlichen Hintergründe während einzelner Epochen sowie die Verknüpfung zur heutigen Zeit lässt der straffe Lehrplan dabei kaum Spielraum. Die Liste kann beliebig erweitert werden. Kurz, kritisches, vernetztes Denken steht nicht auf dem Stundenplan.
An den Universitäten bietet sich uns ein ähnliches Bild. Studenten lassen sich in ihrem speziellen Fachgebiet ausbilden, ohne sich dabei mit Denkmodellen anderer Disziplinen auseinandersetzen zu müssen. Betrachten wir nun speziell die Wirtschaftswissenschaften, konnte sich durch die fehlende Vernetzung mit anderen Bereichen des Lebens ein Modell entwickeln, das als sogenannte Zwei-Welten-Theorie bekannt ist. Gemeint sind damit scheinbar unüberwindbare Gegensätze zwischen moralischem Handeln und jenem nach ökonomischen Prinzipien.
Zeit für einen Paradigmenwechsel
Agiert der Geschäftsführer nun im Sinne des Wirtschaftssystems oder im Sinne seiner Enkelkinder? Ihre Generation wird eines Tages die Verantwortung für den Planeten von uns erben und es liegt an uns, in welchem Zustand wir in hinterlassen. Wäre es da nicht sinnvoll, das aktuelle ökonomische Paradigma grundlegend zu hinterfragen? Wir können nicht, wie in der Schule gelernt, zusammenhängende Systeme als isolierte Teilbereiche betrachten und gegensätzliche Werte gelten lassen. Exponentielles Wirtschaftswachstum zerstört letztendlich unseren Planeten, auf dem sonst auch nur Krebszellen exponentiell wachsen. Und diese sind es doch, die zuletzt ihre Lebensgrundlage, nämlich den Körper ihres Wirten, vernichten. Es ist an der Zeit, wieder über den Tellerrand zu blicken, um ein wirklich nachhaltiges Konzept für eine funktionierende Wirtschaft zu finden. Wenn das Wissen über die Systemzusammenhänge vollends in die wirtschaftliche Praxis integriert wird, könnte der Manager Orens Frage mit gutem Gewissen beantworten und die Zwei-Welten-Theorie durchbrechen. Der Dialog würde dann folgendermaßen enden:
Oren: “When do you cease to be a CEO and become a grandfather?”
Geschäftsführer: “Never. I’m both.”
Anmerkungen:
Der Chief Executive Officer (CEO) ist die US-amerikanische Bezeichnung für das geschäftsführende Vorstandsmitglied (Schweizer und österreichischer Begriff: Geschäftsführer) bzw. den Vorstandsvorsitzenden oder Generaldirektor (Schweizer und österreichischer Begriff: Vorsitzender oder Präsident der Geschäftsleitung) eines Unternehmens oder einfach dessen allein zeichnungsberechtigten Geschäftsführer.
Der Titel CEO wird unabhängig von Größe und Rechtsform des Unternehmens gebraucht. Der CEO vertritt die strategische Orientierung des Unternehmens und gibt damit die Ziele für das operative Geschäft vor, leitet dies aber in der Regel nicht selbst. Das ist Aufgabe einesChief Operating Officer in der hierarchisch obersten Management- oder Leitungsfunktion.
(Quelle: Wikipedia)
Der Begriff Corporate Social Responsibility (CSR) bzw. Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung (oft auch alsUnternehmerische Sozialverantwortung bezeichnet), umschreibt den freiwilligen Beitrag der Wirtschaft zu einer nachhaltigen Entwicklung, die über die gesetzlichen Forderungen (Compliance) hinausgeht. CSR steht für verantwortliches unternehmerisches Handeln in der eigentlichen Geschäftstätigkeit (Markt), über ökologisch relevante Aspekte (Umwelt) bis hin zu den Beziehungen mit Mitarbeitern (Arbeitsplatz) und dem Austausch mit den relevanten Anspruchs- bzw. Interessengruppen (Stakeholdern).
(Quelle: Wikipedia)
Corporate Citizenship bzw. Unternehmensbürgerschaft bezeichnet das bürgerschaftliche Engagement in und von Unternehmen, die eine mittel- und langfristige unternehmerische Strategie auf der Basis verantwortungsvollen Handelns verfolgen und sich über die eigentliche Geschäftstätigkeit hinaus als „guter Bürger“ aktiv für die lokale Zivilgesellschaft oder z. B. für ökologische oder kulturelle Belange engagieren. [1] Die englische Begrifflichkeit verweist darauf, dass es sich ursprünglich um die Übernahme einer Management-Idee als Teil einer Public-Affairs-Strategie aus den USA handelt.
(Quelle: Wikipedia)
Video:
http://www.youtube.com/watch?v=81CnWaj8980








One Comment
Unternehmen und Familie scheinen in unserer Gesellschaft nicht vereinbar zu sein, was wirklich sehr schade ist. Letztendlich steht man auch als Vater vor der Wahl: Karriere oder das Aufwachsen der eigenen Kinder erleben. Für weibliche Führungskräfte ist diese Fragestellung noch viel gravierender und hat weitreichende Konsequenzen, da in Deutschland die Karrierechancen für Frauen weiterhin geringer sind. Jeder muss sich selbst darüber im Klaren sein, was er von seinem Leben erwartet. Die Beschäftigung, beispielsweise mit der Sinnfindung und dem Setzen der eigenen Ziele, ist unvermeidlich.