Fabian ist Autist. Er spricht kaum, fängt oft plötzlich an zu schreien und mit Dingen um sich zu werfen. Warum er das tut, können die meisten Menschen nicht verstehen. Auf den Wunsch seiner Eltern besucht der 12-jährige die Schule Rogatsboden in Niederösterreich, eine „besondere Schule für besondere Kinder“.
Dort bilden fünf oder sechs Schüler eine Klasse, die von einem Sonderpädagogen unterrichtet wird. Zur Seite steht ihm eine Betreuungsperson. Jedes Kind wird nach seinen eigenen Möglichkeiten individuell unterrichtet. Für den Einen ist es ein Erfolg, wenn er seinen Namen schreiben kann, für den Anderen, bis zehn zu zählen. Es gibt Therapieeinrichtungen, wie zum Beispiel einen „Snoezelenraum“, in dem sich die Schüler auf einem Wasserbett bei Musik und Lichteffekten entspannen können. Auch die Toiletten und Waschräume sind ganz auf die Bedürfnisse körperlich und geistig Behinderter ausgerichtet.
Fabians Mutter weiß genau, warum sie diese Schulform für ihren Sohn gewählt hat: „Er fühlt sich einfach wohl dort. Die Lehrer und Betreuer gehen auf seine Bedürfnisse ein und er darf auch einmal einen schlechten Tag haben.“
Sie hätte niemals daran gedacht, Fabian in eine Integrationsklasse zu schicken, weil er dort vermutlich sofort als Außenseiter abgestempelt würde. Christine Kladnik, seine Klassenlehrerin und wichtigste Bezugsperson in der Schule Rogatsboden ist ebenfalls der Meinung, dass es Unsinn wäre, Fabian in eine Regelklasse zu stecken. Er komme mit fremden Menschen meist nicht so gut zurecht, ihn in einer Klasse mit 20 anderen 12-jährigen Kindern zu unterrichten brächte für beide Seiten Nachteile. Fabian könnte sich nicht konzentrieren und würde viel häufiger Schreianfälle bekommen. Außerdem würde er in der Regelklasse von den Mitschülern nicht so viel Zuneigung bekommen, wie in seiner Klasse
Wichtig ist Christine Kladnik vor allem, dass zwischen den Kindern in einer Klasse „echte“ Beziehungen entstehen können. Provokant fragt sie: „Welche 14-jährige verliebt sich in einen gleichaltrigen Buben mit Down-Syndrom?“ Auch platonische Freundschaften könnten schwer entstehen, wenn man immer nur gesagt bekommt, man müsse „lieb zu dem behinderten Kind sein“. Selten würde es jemand wagen, einen Streit mit ihm zu beginnen, dabei gehöre Streit zu jeder gesunden Freundschaft dazu.
Sonderschulen abschaffen?
Ginge es nach dem österreichischen Monitoringausschuss, der für die Rechte von Menschen mit Behinderungen eintritt, müsste Fabian eine Regelschule besuchen. Sonderschulen wie die in Rogatsboden seien „menschenrechtsunwürdig, weil die Kinder dort aus der Gesellschaft ausgeschlossen würden und müssten deshalb abgeschafft werden“, sagt Marianne Schulze, Vorsitzende des Ausschusses.
Empört über diese Aussage sind vor allem Eltern und Lehrer von schwer geistig oder mehrfach behinderten Kindern. „Das ist eine Frechheit. Diese Leute haben noch nie etwas mit einem behinderten Kind zu tun gehabt und glauben, sie kennen sich besonders gut aus“, regt sich Fabians Mutter auf. Auch Christine Kladnik kann sich mit dieser Forderung nicht anfreunden. Sie ist der Meinung, wenn das Menschenrecht auf Bildung für alle gelten sollte, müsse Bildung und Schule auch für alle ermöglicht werden. Manche Kinder könnten eben nur in einer Schule unterrichtet werden, die ihren Bedürfnissen gerecht werden kann, beispielsweise im Hinblick auf Therapie- und Pflegemaßnahmen. Das Konzept der Inklusion, das nach Marianne Schulze die Integration ablösen soll, würde mehr oder weniger fordern, dass alle Kinder gleich sind. „Das entspricht nicht der Realität“, sagt Christine Kladnik, „es gibt ganz einfach Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Behinderung.“
Integration kann funktionieren.
„Nicht jedes besondere Kind solle automatisch in eine Sonderschule kommen, man muss individuell entscheiden und vor allem darauf schauen, wo sich das Kind wohlfühlt“, relativiert Kladnik. Auch in Rogatsboden gibt es Kinder, die durchaus in einer Integrationsklasse unterrichtet werden könnten, man müsse dabei aber bedenken, dass solche „Grenzfälle“ in der Sonderschule meistens ein wesentlich höheres Selbstbewusstsein entwickeln. Anna, die ebenfalls in Fabians Klasse geht und sehr viel langsamer lernt als andere Kinder in ihrem Alter, ist ein gutes Beispiel dafür. „Das blonde, zierliche Mädchen hatte überhaupt kein Selbstbewusstsein, als sie nach Rogatsboden kam. Sie hat eingeschüchtert und verletzt gewirkt“, erinnert sich ihre Lehrerin
In den vergangenen Jahren ist Anna jedoch aufgeblüht. Sie kann sich jeden Tag über Erfolge freuen, weil sie die Klassenbeste ist, spielt in der Schultheatergruppe mit und hat viele Freunde in der Schule.
Trotzdem ist Christine Kladnik überzeugt, dass es vor allem im städtischen Raum möglich ist, Kinder mit Behinderungen in Regelklassen zu unterrichten. Es müsse allerdings dafür gesorgt sein, dass genügend Lehrer da sind und die Gesamtklassenanzahl gering ist. Außerdem wäre es besser, wenn mehrere Kinder mit Förderbedarf in einer Klasse unterrichtet werden. „Natürlich müsste auch die Unterrichtsform entsprechend angepasst werden“, weiß die Sonderpädagogin. Montessori oder andere Formen der Reformpädagogik müssen in den Unterrichtsalltag Einzug finden.
„Im ländlichen Raum, wo meistens nur ein bis zwei besondere Kinder in einer Klasse mit 25 Schülern einen konventionellen Unterricht mitmachen sollen, würde Integration nicht funktionieren“, ist Kladnik überzeugt.
Am wichtigsten ist ihr, dass die Kinder am Unterricht teilhaben dürfen und nicht die meiste Zeit außerhalb der Klasse verbringen müssen.
Noch ein weiter Weg…
Auch wenn Christine Kladnik sich entschlossen gegen den Vorwurf stellt, Sonderschulen seien menschenrechtsunwürdig – in einem Punkt gibt sie Marianne Schulze recht: „Schule, die allen Kindern gerecht wird, sei möglich, dazu müsse aber noch eine Menge getan werden. Ein Umdenken, vor allem auch bei den Politikern, sei allerdings nötig. Marianne Schulze ist überzeugt, dass die Ressourcen, um eine inklusive Bildung für alle zu ermöglichen verfügbar sind. Es sei nur eine Prioritätenfrage. „Wenn genügend Mittel zur Verfügung stünden, könne man sicherlich eine Schule ermöglichen, die allen Kindern gerecht wird“, sind sich Christine Kladnik und Marianne Schulze einig.










