Friede, Freude und Handtücher für Alle! Der Anarchist als Hoffnungsträger

Mit diesem Wahlversprechen schaffte Jòn Gnarr, einer der beliebtesten Fernsehkomiker Islands, etwas von dem viele Künstlerkollegen nur träumen: Bei den Kommunalwahlen im Mai 2010, nach dem schweren Bankencrash, bekam er mit seiner besten Partei auf Anhieb die meisten Stimmen und ist seither Bürgermeister von Reykjavik. Nicht Dr. Michael Häupl, sondern der Akkordeonvirtuose und Augartenstadtstaat Bürgermeister Otto Lechner lud zum drei Tages Symposium rettet Kunst die Politik nach Wien. sinn:schrift befragte den „gnarrischen“ Jon wie das gehen kann. Von Rüdiger Rausch.

Bild: Bürgermeister

„Guden Tajen“ Herr Bürgermeister Gnarr. Was ist den ein guter Tag für Sie?

Heute war ein guter Tag. Nach neun Monaten Amtszeit, bin ich hier in Wien erstmals auf die Straße gegangen und niemand wollte etwas von mir. Das war herrlich (lacht ansteckend wie ein wieherndes Pferd).

Wien ist aber eher bekannt für „Mieselsucht“. Sie haben ja den Guten- Tag-Tag eingeführt, an dem sich die Reykjaviker freundlich grüßen sollten. Ihr größter Erfolg?

Der wichtigste Teil unserer Arbeit ist, gute Stimmung zu verbreiten und den Bürgern Reykjaviks neue Hoffnung zu geben. Ich bin davon überzeugt, dass sich der Zustand der Kreativität und Freude, den die Besti flokkurinn (“Beste Partei”) in Island verbreitet, auch ökonomisch manifestieren wird.

Ökonomisch ist aber immer noch Katerstimmung. Wie lebt es sich mit der Verantwortung als neuer Hoffnungsträger der Künstler? Auch im Kulturbereich wird vehement eingespart.

Manchmal fühle ich mich sehr bedrückt und traurig, für alle kleinen Wehwehchen wie, warum kommt der Bus nicht, warum wird das Licht um 8 Uhr abgeschalten, verantwortlich gemacht zu werden und würde am liebsten laut aufbrüllen. Wichtig ist es dann, nicht in der Schmollecke zu landen, um sich gegen dieses für alles verantwortlich gemacht zu werden verwehren.

Sie scheinen nichts ernst zu nehmen: Gewinnen mit ihrer „besten Partei“, die kein politisches Programm hat, dafür offene statt verdeckte Korruption, freie Handtücher für alle Schwimmbäder, einen Eisbären für den Zoo und ein drogenfreies Parlament verspricht, die meisten Stimmen. Was blieb vom Gnarr-Effekt nach neun Monaten Ernüchterung im Amt?

Ehrlich gesagt, denke ich darüber nach wie ich es schaffen kann, alle meine Walversprechen, zu brechen (wiehert wieder los). Aber Politik ist für mich harte Arbeit. Derzeit ist es ein von Tag- zu- Tag- Überleben. Und die Opposition lauert nur darauf, dass ich Fehler mache. Der frühere Finanzminister meinte: „Wir haben viele Clowns als Politiker gehabt. Diese Jungs sind nicht schlimmer.“

Haben sie eine Strategie gegen die Wirtschaftskrise?

(denkt lange nach) Nein ich weiß keine. Aber es gibt Hoffnung: Wir können es im Kleinen jedes Jahr beobachten: Im isländischen Winter mit seiner Kälte und Dunkelheit fällt es schwer, an einen Frühling zu glauben, doch er kommt immer wieder. So wird auch ein ökonomischer Frühling kommen. Die Kunst, dieses große Mysterium, wird etwas außerordentlich Neues, unerhört Schönes, erschaffen.

Sie sind Sohn eines Polizeibeamten, waren im Internat für schwer erziehbare Jugendliche, Taxifahrer, Behindertenpfleger, Bassist einer Punkrockband „Nefrennsli“ (rinnende Nasen), Autor und zuletzt der beliebteste Fernsehkomiker Islands. Was blieb vom Punk bzw. welche Rolle spielen Sie jetzt in der Politik?

Es gab wenig Raum eine Rolle zu spielen, es gab Momente, aber es war mehr politisch und sehr persönlich. Ich glaube ich verstehe durch meine Erfahrung die Sprache der Leute der Straße und sage die Dinge wie sie sind und nicht wie sie scheinen sollen. Die Sprache der Politiker ist nicht die Sprache der einfachen Leute.

Was blieb vom Punk Gnarr übrig?

Ich war und bin noch immer Anarchist. Anarchie ist so kompliziert, nämlich alles in Frage zu stellen und genau das brauchen wir: Mehr Anarchisten in der Politik. Es ist wichtig, dass nicht nur Berufspolitiker Politik machen. Viel zu wenige Künstler bringen sich in die Politik ein. Obwohl ich zugeben muss: Auch ich wäre ohne die Krise nicht in die Politik gegangen. Aber als ich nach dem Banken Crash und Staatsbankrott den isländischen Premierminister im Fernsehen sah, wie er zu Gott betete Island zu segnen, dachte ich es gehört etwas verändert.

Anarchist und Bürgermeister zugleich – wie soll das gehen?

Ich weiß es nicht, das muss ich erst herausfinden. Aber Autoritäten in Frage zu stellen, kann im Sinn der Demokratie nur ein Gewinn sein. Ich habe fünf Kinder, ganz ohne Organisation würde das nicht funktionieren. Als Surrealist habe ich auch meine Vision vom gewaltfreien Island.

Sie haben gesagt sie verhandeln mit keinem Koalitionspartner, welcher nicht The Wire (Anm.: amerikanische Fernsehstaffel) kennt, aber welche Bücher sollte ein Partner gelesen haben?

Komme leider viel zu wenig zu lesen, aber eines meiner Lieblingsbücher ist Lao Tse, der sagt die Dinge direkt und einfach wie sie sind. Weiteres zählen zwei Bücher des isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Kiljan Laxness dazu. Ich mag auch sehr gerne absurdes Theater wie Becketts Warten auf Godot oder die Nashörner des rumänisch-französischen Dramatikers Eugène Ionesco.

Wie sieht Reykjavik nach ihrer Amtszeit aus?

Mir sind zwei Dinge wichtig, eines ist das Thema Frieden. Ich möchte Reykjavik als Zentrum für Friedensfragen etablieren und verhandle gerade mit unserer Regierung über ein Verbot der Landung von Militärflugzeugen im Stadtgebiet. Mein zweites Vorhaben ist die Einführung der direkten Demokratie in Reykjavik. In wenigen Wochen startet im Internet das Angebot „Ein besseres Reykjavik“. Es soll Bürgern die Möglichkeit geben, direkt vom Computer aus über einzelne Themen abzustimmen.

Was ist die wichtigste Botschaft die sie vermitteln wollen?

Frieden und niemals langweilig werden!

Die Informationsplattform sinn:schrift möchte durch eine holistische Betrachtungsweise Alternativen zu festgefahrenen Themen in Wirtschaft, Bildung und Soziales/Gesellschaft aufzeigen und die Offenheit zur Weiterentwicklung in der Gesellschaft fördern.

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